Über Entspannungscoaching, Entspannungstherapien und Autogenes Training

Wie du weisst, stellen wir regelmäßig interessante Menschen vor, die sich leidenschaftlich gerne mit Entspannungsmusik beschäftigen. Du wolltest schon immer einmal mehr über Autogenes Training erfahren? Dann ist dieser Beitrag genau das Richtige für dich: Entspannungstherapeutin Karin Wolf gibt dir einen tiefgründigen Einblick in diese Entspannungsmethodik und gibt wertvolle Tipps zur Stressvermeidung, -Bewältigung und Entspannung.

Hallo Frau Wolf, was sollten die Leser unbedingt über Sie wissen?

Meine „Leidenschaft“ ist die Entspannung. Das konnte ich - Gott sei Dank - immer schon gut und diese Fähigkeit hat mir durch manch schwierige Lebenssituation hindurch geholfen! 2005 habe ich begonnen mich beruflich neu zu orientieren, zunächst mit einer psychotherapeutischen Ausbildung. Danach folgten verschiedenen Fortbildungen im therapeutischen Bereich, die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und - wen wundert ́s - eine Ausbildung zur Entspannungstherapeutin. Seit 2009 arbeite ich in eigener Praxis als Entspannungstherapeutin & Entspannungscoach. Daneben bilde ich an einer Heilpraktikerschule Entspannungstrainer aus, halte Seminare in Firmen zum Thema Stressprävention und gebe Kurse für Autogenes Training, Meditation, Achtsamkeit und Stressmanagement.

Sie bieten sogenannte „Entspannungscoachings“ an. Wie darf man sich den Ablauf bei einer Sitzung ungefähr vorstellen?

Beim Entspannungscoaching dreht sich alles um Stressvermeidung, Stressbewältigung und Entspannung. Es geht darum ein Gegengewicht zu unserem stressbelasteten Alltag finden. Es gibt viele unterschiedliche Dinge die Stress verursachen und mindestens genauso viele Möglichkeiten, um Stress gesund zu bewältigen. Im Coaching suchen wir gemeinsam nach den Energieräubern und versuchen kleine Tankstellen zum Auftanken ins Leben zu integrieren.

Der 1. Schritt im Entspannungscoaching ist, den momentanen Stand festzustellen: In welchem Stresslevel befindet sich der Klient aktuell und warum (Stressoren), wie hoch ist der Leidensdruck, welche Symptome bestehen und wie ist die emotionale Lage. Ganz wichtig ist hier die Abgrenzung zu einer psychologisch relevanten Diagnose. Wenn das der Fall ist, geht es nicht mehr um Coaching, sondern um Entspannungstherapie bzw. Psychotherapie.

Im 2. Schritt klären wir, welches Ziel der Klient hat. Wo möchte er hin, was möchte er erreichen, ist es ein realistisches Ziel und wieviel Zeit gibt er sich dafür. Welche Ressourcen sind bereits vorhanden, welche sollen ausgebaut werden.

3. Auf dieser Grundlage arbeiten wir gemeinsam einen „Schritt-für- Schritt-Plan“ aus. Wie dieser „Plan“ genau ausschaut ist individuell sehr verschieden. Manchmal geht es einfach nur darum die Entspannungsfähigkeit zu stärken, manchmal aber auch um klassisches Stressmanagement: Stressoren erkennen, verändern von Verhaltensmustern, Stärkung der Regenerations- und Genussfähigkeit, ungünstige Glaubensmuster ersetzen durch ... , ein gesundes Pausenmanagement und, und, und ...

Der 4. und vielleicht wichtigste Punkt ist die Umsetzung: D. h. das was „der Kopf“ schon weiß, im Alltag umsetzen. In wöchentlichen Treffen halten wir Erfolge fest, besprechen was klappt und was vielleicht noch nicht, üben Entspannungstechniken, reden über aktuelle Probleme/ Herausforderungen, usw. . Ich verstehe mich dabei als „Wegbegleiterin“ und helfe dem Klienten die „Spur“ zu halten, die Dinge vom Kopf ins TUN zu bringen, motiviere und mache Mut, wenn es mal nicht so läuft, helfe dran zu bleiben. Wer schon mal versucht hat Verhalten zu verändern, weiß dass das gar nicht so leicht ist. Die Umsetzung braucht Geduld, die „richtigen“ Schritte, ein lohnendes Ziel vor Augen und eben auch jemanden der hilft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Mit Unterstützung geht es einfach viel leichter!

Worin sehen Sie die Besonderheit des autogenen Trainings im Vergleich zu anderen Entspannungstherapien?

Das ist eine spannende Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Ich arbeite in meiner Praxis mit unterschiedlichen Entspannungstechniken und jede dieser Techniken hat ganz spezielle Vorteile. Das Besondere am Autogenen Training ist meines Erachtens, dass man (sogar schon in der Grundstufe) den Körper über die eigenen Gedanken direkt beeinflussen kann. So übt man z.B. bei der Wärmeformel Arme, Beine und danach den ganzen Körper warm werden zu lassen. Mit entsprechenden Geräten kann man das sogar sichtbar machen und sieht wie die Temperatur steigt. Die Bauchübung ist ähnlich und man kann, wieder durch die Vorstellung von Wärme, den ganzen Bauchbereich willentlich entspannen (das ist z.B. sehr hilfreich ist für Menschen mit Magenbeschwerden). Es geht also nicht „nur“ um Entspannung, sondern auch um die Fähigkeit aktiv selbst etwas zu verändern und Einfluss zu nehmen. Das nennt man in der Psychologie Selbstwirksamkeit und diese Fähigkeit ist essentiell für alle Bereiche des Lebens. Nur wenn ich Vertrauen in mich selbst habe, das heißt der Überzeugung bin, dass ich etwas erreichen kann, werde ich Dinge in Angriff nehmen ...

In der Mittelstufe des Autogenen Trainings erarbeitet man dann eigene Formeln, um bestimmte Verhaltensänderungen zu unterstützen, oder bestimmte Lebensbereiche zu verändern. Auch hier geht die Wirkung des AT deutlich über reine Entspannung hinaus!

In der Oberstufe, der Autogenen Meditation, geht es um die eigene Persönlichkeit, um Selbstreflektion und Selbsterkenntnis. Man kann sozusagen das Unbewusste „anzapfen“ und erhält oft ganz neue und überraschende Einsichten, jenseits des analytischen Verstandes. So kann man kann zum Beispiel über bestimmte (Lebens-)fragen, oder Personen meditieren, seine Eigenfarbe und Eigenform herausfinden und vieles mehr. Das Gute daran ist, dass man all das selbst machen kann, wenn man vorher gelernt hat, wie es geht. Außerdem ist das Autogene Training super als leichter Einstieg, wenn jemand lernen möchte zu meditieren.

Stress und Burnout sind in der heutigen Zeit eine immer größer werdende Bedrohung. Worin sehen Sie persönlich die Ursachen für diese Entwicklung, im Vergleich zu vor zwanzig Jahren?

Ich sag jetzt mal ganz provokant, auch vor 20 Jahren gab es schon Stress und Burnout. Wir waren aber damals noch nicht so gut vernetzt wie heute und wahrscheinlich auch nicht so offen. Deshalb sind diese Dinge nicht so leicht bekannt geworden. Heute gibt es eine Menge an Studien, vieles wird besser erforscht, die diagnostischen Möglichkeiten haben sich verbessert, Menschen sprechen öffentlich über Ihren Burnout und die Medien berichten ständig. Aber ich will das Thema sicher nicht runter spielen. Natürlich gibt es einige Faktoren, die zur Zunahme von Stress, Druck und den damit zusammenhängenden Erkrankungen führen:

Ein wichtiger Faktor dafür ist sicher die „digitale Welt“: Vor 20 Jahren war es undenkbar, so schnell zu kommunizieren, wie heute. Wir nutzen What ́s App, SMS, schreiben Emails, sind über das Handy ständig erreichbar und erwarten auch von anderen, dass prompt und möglichst sofort eine Antwort zurück kommt. Die Verbindungen werden immer schneller, jegliche Art von Information ist in Sekunden abrufbar und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Wir sind sozusagen rund um die Uhr erreichbar, super informiert und vergessen dabei den AUSSCHALTER. Unser Organismus, insbesondere das Gehirn, ist dafür aber nicht geschaffen. Um gesund und leistungsfähig zu bleiben, brauchen wir Pausen, Ruhe, Zeiten in denen wir abschalten können und keinen „Dauerleistungsmodus“.

Aber genau dieses Abschalten können viele Menschen nicht mehr. Sie haben es verlernt und finden selbst im Schlaf keine Ruhe und Erholung mehr. Also bitte nicht falsch verstehen, ich schätze die Technik sehr und bin begeisterte Nutzerin von Smartphone, Tablet, Computer, usw. Aber ich nutze diese Dinge ganz bewusst. Ich habe keinen Push aktiviert, sondern ICH entscheide, wann ich neue Mails lese. Wenn ich nicht gestört werden möchte, mache ich das Handy aus. Ich habe fest definierte Arbeitszeiten, Urlaub und ein Wochenende. Da werden dann auch keine Mails und/oder Anrufe beantwortet und die Arbeit muss warten bis zum nächsten Werktag. Alles Dinge die zwar einfach klingen, aber von vielen Menschen nicht beherzigt werden. Mit anderen Worten könnte man sagen, wer immer auf STAND BY ist , muss sich nicht wundern, wenn irgendwann die Batterien leer sind.

Der 2. wichtige Faktor ist, dass eben diese Batterien auch mal aufgeladen werden müssen. Die Energie die wir verbrauchen, müssen wir auch nachladen. Das ist wie bei der Buchhaltung: Wenn ich mehr ausgebe, als ich einnehme, komme ich ins Minus. Aufladen kann ich mit allem was mir gut tut, was Freude macht, was mich nährt ... Nun leben wir in einer Gesellschaft, in der Leistung über alles geht und uns zudem suggeriert wird, wenn wir uns nur genug anstrengen, ist alles möglich. Niemand sagt uns, das Leistung nur möglich ist, wenn zwischendrin Pausen stattfinden und unser „Energiekonto“ aufgefüllt wird. Obendrein wird das süsse Nichtstun belächelt: Relaxen, zu genießen, oder „ganz normal“ ein Wochenende zu verbringen, wo alle Welt eine tolle Performance hinlegt, ist nicht cool und widerspricht so ein bisschen dem Zeitgeeist. Jedes Jahr ein bisschen mehr, ein bisschen besser, ein bisschen schneller, bis zum Umfallen sozusagen. Wer da nicht mithalten kann, hat prompt ein schlechtes Gewissen. Also latscht man lieber kontinuierlich über seine eigene Grenze, bis der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht, Zeichen gibt und schlimmstenfalls ausgebrannt ist.

Ein 3. wichtiger Punkt sind die sich verändernden Arbeits- und Lebensbedingungen (im Gegensatz zu früher): Wir sind gezwungen ständig flexibel zu sein, müssen uns anpassen an neue Strukturen innerhalb der Firma, fühlen uns bedroht von Umstrukturierungen und der evtl. damit verbundenen Arbeitslosigkeit, müssen damit rechnen, dass wir möglicherweise in einer anderen Stadt arbeiten, vielleicht gibt es unseren Job in ein paar Jahren gar nicht mehr und wir müssen uns völlig neu orientieren ...

Privat ist es ähnlich. Die Familie, das familiäre Netz, das früher verlässlich für Stabilität gesorgt hat, ist heute eher die Seltenheit. Wir müssen ständig organisieren und zerreissen uns oft, um Arbeit, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bekommen. Am gestresstesten ist die Altersgruppe zwischen 30 und 40. Kein Wunder, denn in dieser Zeit möchte man Karriere machen, ein Familie gründen, sich vielleicht Eigentum schaffen (ein Haus bauen) und manche haben „nebenbei“ bereits einen Pflegefall in der Familie. Dass das sehr anstrengend ist und seinen Tribut fordert, ist eigentlich klar. Alles gleichzeitig geht eben nicht, auch wenn die Werbung uns das suggeriert ...

Unsere Seele braucht aber Beständigkeit und Verlässlichkeit, um gesund zu bleiben.

Heutzutage wird das Beständige aber immer weniger. Alles verändert sich und das andauernd, manchmal von heute auf morgen. Ob wir wollen oder nicht, wir sind mitten drin (im Stress). Die Lösung ist deshalb, Strategien zu erlernen, um damit gut zurecht zu kommen: Die Welt ist so, wie sie eben ist. Wir werden die Schnelllebigkeit nicht verändern. Das Einzige was wir ändern können, ist unser Umgang damit. Wir können lernen, trotz all den Anforderungen, Herausforderungen, ständigen Veränderungen in Balance zu bleiben. Dazu gehört zum Beispiel das Wissen, wie man den Energiespeicher rechtzeitig auffüllt, wie man die innere "Pause-Taste" drückt, wie man Grenzen setzt. Und manchmal hilft auch der Mut nicht jeden „Trend“ mitzumachen :) Denn was hilft das tollste Studium, die gut bezahlte Führungsposition oder ... , wenn mich das was ich tue nicht glücklich macht, wenn ich keine Freude daran habe und ich letztlich mein Potential, meine Stärken nicht leben kann?

Haben Sie regelmäßige Rituale die Sie anwenden, um sich im Alltag zu entspannen?

Ja, mehrere! Wie schon erwähnt, ich liebe Entspannung und davon praktiziere ich reichlich: Zum Beispiel meine wöchentliche Yogastunde und meine tägliche Mittagsentspannung. Das ist meine "heilige Zeit" und da lasse ich mich auch nicht stören. Ansonsten versuche ich möglichst viele kleine, alltägliche Dinge zu genießen, z.B. meinen Cappuccino, die tägliche Dusche, ich versuche achtsam zu bleiben (immer wieder auf's Neue) und freue mich über das kleine Glück des Tages ...

Vielen Dank für das sehr ausführliche und interessante Interview!

Hinweis:
entspannungsmusik-hoeren.de

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